Warum ein Notfallplan am Lebensende wichtig ist
Wenn ein Mensch unheilbar erkrankt ist und das Leben zu Ende geht, geraten Familien oft in unkontrollierte Notfälle: Atemnot nachts, Panik, ein rufender Notarzt — und plötzlich landet der Sterbende auf der Intensivstation, an Apparat angeschlossen, obwohl er zu Hause sterben wollte. Ein durchdachter Notfallplan verhindert solche Eskalationen. Er gehört zur Palliativversorgung dazu wie die Schmerztherapie selbst — und seine Vorbereitung entlastet Angehörige enorm, weil sie im Ernstfall wissen, was zu tun ist.
Der Plan bündelt medizinische, organisatorische und rechtliche Vorbereitung. Er ist eng verzahnt mit der Patientenverfügung (Artikel Patientenverfügung), der Vorsorgevollmacht (Artikel Vorsorgevollmacht) und der Palliativversorgung (Artikel Palliativmedizin, Palliativpflege zu Hause).
Die sechs Bausteine eines guten Notfallplans
1. Notfallmedikamente und Notfallapotheke
Palliativteams stellen eine Notfall-Apotheke zusammen, die zu Hause griffbereit liegt. Typische Bestandteile:
- Durchbruchschmerz: Morphin-Tropfen oder Fentanyl-Lutschtabletten gegen plötzliche stärkste Schmerzen ('Breakthrough Pain')
- Atemnot: Morphin-Tropfen gegen akute Atemnot und Panik
- Unruhe, Angst, Krampfanfälle: Midazolam-Tropfen (buccal oder nasal), ggf. Levomepromazin
- Übelkeit und Erbrechen: Metoclopramid, Haloperidol-Tropfen
- Anwendungsplan: Ein schriftlicher Plan, wann welches Medikament in welcher Dosis gegeben wird — vom Palliativteam individuell erstellt und erklärt
Die Angehörigen werden in die Anwendung eingewiesen; die Notfallmedikamente dürfen nicht rechtzeitig ausgehen — Bestand regelmäßig prüfen.
2. Notfallkontakte und Kommunikationswege
- Palliativdienst und SAPV: Rufnummer der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (24-Stunden-Erreichbarkeit) gut sichtbar am Kühlschrank oder neben dem Bett platzieren
- Hausarzt/-ärztin: Erreichbarkeit, Vertretung, Bereitschaft für Hausbesuche
- Pflegedienst: Nummer, Einsatzzeiten, Notfallnummer nachts
- Apotheke: Lieferdienst, Wochenend-Öffnung, Notfallbestellung
- Bestatter: Bereits ausgewählt und informiert — damit im Todesfall nicht improvisiert werden muss (Artikel Bestatter wählen)
3. Dokumente an einem zentralen Ort
- Patientenverfügung — aktuell, unterschrieben, mit Datum (Artikel Patientenverfügung — Muster)
- Vorsorgevollmacht — mit Gesundheits- und Vermögenssorge (Artikel Vorsorgevollmacht — Muster)
- Bestattungsverfügung — Wünsche zur Bestattung (Artikel Bestattungsverfügung)
- Notfallordner — Versichertenkarte, Diagnosen, Medikamentenplan, Kontaktliste (Artikel Der Notfallordner)
- Aufkleber an der Eingangstür: 'Patientenverfügung im Notfallordner' — damit Rettungskräfte im Notfall sofort Bescheid wissen
4. Der Notfallplan für den Todesfall zu Hause
Stirbt der Mensch zu Hause (Artikel Sterben zu Hause), sollten alle Beteiligten den Ablauf kennen:
- Ruhe bewahren: Der Tod zu Hause ist kein Notfall im medizinischen Sinne — kein Notruf, keine Reanimation, wenn die Patientenverfügung das ausschließt
- Hausarzt oder Palliativdienst informieren: Ärztin oder Arzt kommt zur Leichenschau und stellt die Todesbescheinigung aus (Artikel Todesbescheinigung)
- Zeit für den Abschied: Angehörige können in Ruhe Abschied nehmen — Waschen, Anfassen, Kerzen, Gebet (Artikel Aufbahrung & Abschied)
- Bestatter rufen: Der vorab gewählte Bestatter übernimmt die Überführung — tagsüber oder auch nachts, je nach Wunsch
- Formalitäten beginnen: Sterbeurkunde, Versicherungen, Grab — der Bestatter leitet die nächsten Schritte ein (Artikel Todesfall — was ist zu tun?)
5. Klärung mit dem Umfeld
- Familie informieren: Alle engen Angehörigen wissen, was der Kranke sich wünscht — Streit über Reanimation oder Krankenhausaufenthalt im Notfall vermeiden
- Nachbarn einbeziehen: Nachbarn können Ansprechpartner sein, wenn Pflegepersonen nicht erreichbar sind
- Arbeitgeber informieren: Pflegepersonen klären Freistellungen und Sonderurlaub (Artikel Trauer und Recht)
6. Emotionale Vorbereitung
- Abschiede leben: Palliativzeit ist Abschiedszeit — Gespräche führen, Vergebungen aussprechen, Dankbarkeit formulieren (Artikel Der Abschiedsbrief)
- Eigene Grenzen kennen: Pflegende sollten ihre Belastungsgrenze kennen und rechtzeitig Entlastung organisieren (Artikel Trauer nach langer Krankheit)
- Hospizdienste nutzen: Ehrenamtliche Hospizhelfer begleiten und entlasten — kostenlos und auf Wunsch (Artikel Hospiz, Sterbebegleitung)
Der Notfallplan als Dokument: Vorlage und Checkliste
- Medikamentenplan mit Notfallmedikamenten (vom Palliativteam)
- Telefonliste: Palliativdienst, Hausarzt, Pflegedienst, Apotheke, Bestatter, Angehörige
- Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Bestattungsverfügung — unterschrieben und datiert
- Ablaufplan für den Todesfall (Schritte 1-5, s.o.)
- Schlüssel- und Wohnungszugang für Pflegepersonen
- Aufkleber 'Patientenverfügung liegt im Notfallordner' an der Tür
Ein guter Notfallplan nimmt Familien die Angst vor dem Unvorhersehbaren — und schützt den sterbenden Menschen davor, gegen seinen Willen in eine Klinik-Notfallkaskade zu geraten. Er ist Ausdruck von Fürsorge: Wir wissen, was zu tun ist — auch wenn du nicht mehr sprechen kannst. Verwandte Artikel: DNR-Anordnung und Lebenserhaltung.
Der passende Ratgeber dazu: Bestattungsvorsorge bei bestattung.de
Bestattungsvorsorge Schritt für Schritt planen: der Vorsorge-Ratgeber



