Eintrag 173 · Trauer & Gedenken

Kinderhospize — Begleitung lebensverkürzend erkrankter Kinder und ihrer Familien

Kinderhospize sind Orte für Kinder und Jugendliche, deren Leben von Geburt an oder durch Krankheit verkürzt ist — und für ihre Familien. Anders als Erwachsenenhospize begleiten sie oft über Jahre, pflegen Geschwister und Eltern mit und bieten Sterbebegleitung wie Trauerarbeit. Der Artikel erklärt Aufgaben, Kostenregelung nach § 39d SGB V, Aufnahme und die Unterschiede zu anderen Versorgungsformen.

Ein Ort für Kinder mit lebensverkürzender Erkrankung

Ein Kinderhospiz ist eine besondere Institution: Es begleitet Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, deren Erkrankung das Leben verkürzt — etwa schwere angeborene Fehlbildungen, Stoffwechsel- und Muskelkrankheiten, Krebs oder Folgen extremer Frühgeburtlichkeit. Die Spanne reicht von Neugeborenen bis zu jungen Erwachsenen, und die Begleitung kann sich über Jahre, teils Jahrzehnte erstrecken. Anders als Erwachsenenhospize, die meist die letzten Wochen begleiten, sind Kinderhospize Dauerbegleiter der Familie: Sie bieten pflegerische Versorgung, symptomlindernde Behandlung, Familienzimmer, Geschwisterbetreuung und — wenn es soweit ist — Sterbebegleitung und Trauerarbeit. Die Grundhaltung gleicht der allgemeinen Palliativarbeit, wie sie der Artikel zur Palliativmedizin beschreibt — aber die Umstellung auf Kinder und ihre Familien macht den Unterschied.

Kinderhospiz und Erwachsenenhospiz im Vergleich

AspektKinderhospizErwachsenenhospiz
Begleitete ZeitOft Monate bis Jahre, wiederkehrende AufenthalteMeist letzte Wochen bis Monate
FokusFamilie als Einheit (Eltern, Geschwister)Patient oder Patientin selbst
AufenthaltszweckÜbergangspflege, Symptombehandlung, Entlastung, SterbephaseVor allem Sterbebegleitung
AtmosphäreKinderfreundlich gestaltet (Spielen, Therapie-Tiere, Räume für Geschwister)Ruhig, eher erwachsenenorientiert
FinanzierungKrankenkassen zahlen seit 2009 einen Großteil der Pflegesätze; Eigenanteil über Spenden§ 39d SGB V: Kassen zahlen 95 Prozent, 5 Prozent Eigenanteil

Was ein Kinderhospiz leistet

Kinderhospize verbinden vier Aufgaben: 1. Palliativpflege: qualifizierte Behandlung von Symptomen wie Schmerzen, Spastik, Epilepsie, Atemnot oder Ernährungsproblemen. 2. Entlastung der Familie: sogenannte Übergangspflege (Respite Care) gibt Eltern und Geschwistern Zeit zum Auftanken, für Urlaub oder Operationen. 3. Begleitung der Sterbephase: wenn das Kind nicht mehr lebbar kämpft, begleitet das Team Symptomlinderung, Abschied und die letzten Tage — oft mit Musik, Fotografie und persönlichen Ritualen (vgl. Trauerrituale im Alltag für kleine Rituale). 4. Trauerarbeit: Nach dem Tod bleiben die Familien oft in Begleitung — Gedenktage, Trauergruppen und Erinnerungsarbeit gehören zum Angebot (vgl. Verwaiste Eltern).

Aufnahme und Ablauf

Der Weg ins Kinderhospiz beginnt meist mit der Diagnose einer lebensverkürzenden Erkrankung — eine ärztliche Bescheinigung über die Palliativbedürftigkeit ist Voraussetzung der Aufnahme. Familien wenden sich direkt an ein Kinderhospiz oder werden über Kinderkliniken, Kinderärzte, Palliativteams oder Sozialdienste vermittelt. Der Ablauf:

  • 1. Anfrage und Erstgespräch mit dem Hospizteam.
  • 2. Ärztliche Unterlagen und Pflegegrad-Bewertung einreichen.
  • 3. Kennenlernen: Familien besuchen das Haus, klären Wünsche und Bedarfe.
  • 4. Aufnahmeplanung: Aufenthalte können einzeln oder regelmäßig gebucht werden.

Wichtig: Das Kinderhospiz ersetzt keine Klinik, aber es arbeitet mit Kinderkliniken und spezialisierten ambulanten Palliativteams (SAPV) zusammen; die Grundlagen der ambulanten Versorgung erklärt der Artikel zur Palliativpflege zu Hause.

Die Kostenfrage

Kinderhospize finanzieren sich seit 2009 überwiegend über die Krankenkassen: Für die Betreuung gelten Pflegesätze, die die Kassen übernehmen, wenn die medizinischen und pflegerischen Voraussetzungen vorliegen. Hinzu kommen der 5-Prozent-Eigenanteil, den die Häuser über Spenden und Stiftungen aufbringen, sowie anteilig Leistungen der Pflegeversicherung nach Pflegegrad, die auf die Kosten angerechnet werden. Für Familien bleibt der Aufenthalt damit praktisch kostenneutral — was nicht heißt, dass die Häuser ausreichend finanziert wären: Spendenfinanzierung ist strukturell; viele Häuser kämpfen mit Budgetlücken, weil die Pflege aufwendiger ist als die Pauschalen es abbilden. Wie Erwachsenenhospize sind auch Kinderhospize auf Ehrenamtliche angewiesen, die Alltagsbegleitung, Büroarbeit und Gedenkarbeit unterstützen.

Wie viele Kinder und Familien betroffen sind

Die Zahl schwerstkranke Kinder ist schwer zu bestimmen; Schätzungen gehen in Deutschland von mehreren zehntausend Kindern und Jugendlichen mit lebensverkürzendem Verlauf aus. Das Statistische Bundesamt weist jährlich einige tausend Sterbefälle bei unter 15-Jährigen aus — hinter jedem steht eine Familie, die Abschied, Pflege und Trauer zugleich erlebt. Stationäre Kinder- und Jugendhospize gibt es in Deutschland wenige; sie verteilen sich über die Regionen und arbeiten mit ambulanten Kinderhospizdiensten zusammen, die Familien zu Hause begleiten. Beide Säulen — stationär und ambulant — ergänzen sich; die häusliche Begleitung kann über die spezialisierte ambulante Palliativversorgung auch ohne Pflegegrad organisiert werden.

Geschwister und Eltern im Blick

Die Begleitung einer Familie mit einem schwerstkranken Kind hört nicht am Krankheitsverlauf auf. Geschwister erleben die Erkrankung mit — sie fürchten, vermissen die Aufmerksamkeit der Eltern und brauchen eigene Räume, um zu fragen und zu trauern (vgl. Trauerbegleitung für Kinder und Kinder und Trauer). Eltern stehen unter Dauerbelastung von Pflege, Krankenhausaufenthalten und der gleichzeitigen Sorge um gesunde Kinder; Kinderhospize bieten Gesprächsangebote, Paarzeit und psychologische Begleitung. Stirbt das Kind, begleiten viele Häuser die Familie in die Zeit danach — mit Trauergruppen, Gedenktagen und der Möglichkeit, im Haus Abschied zu nehmen. Die Besonderheiten der Bestattung und Beisetzung von Kindern und Sternenkindern behandeln die Artikel Die Beerdigung eines Kindes und Sternenkind.

Wie Familien ein Kinderhospiz finden

Der erste Ansprechpartner ist das behandelnde Kinderkrankenhaus, der Kinderarzt oder der soziale Dienst der Klinik. Gute Anlaufstellen sind auch der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinderhospiz (BAG Kinderhospiz) als Netzwerk und die spezialisierten ambulanten Kinderpalliativteams (SAPKJ) der Regionen. Wichtig zu wissen: Es gibt keine Pflicht zur Nutzung, und ein Aufenthalt im Kinderhospiz ist keine Entscheidung gegen das Kind — sondern für die ganze Familie. Wer sich vorab informieren will, welche Form der Begleitung passt, findet mit dem Artikel Sterbebegleitung & Hospiz eine Übersicht; die allgemeine Systematik der stationären Versorgung am Lebensende erklärt der Artikel zum Hospiz.

Begleitet und vertieft: den Trauer-Bereich

Häufige Fragen

Nein — der größte Unterschied liegt in der Zeitspanne und der Familiensorientierung. Erwachsenenhospize begleiten meist die letzten Wochen und Monate; Kinderhospize begleiten Familien oft über Jahre, mit wiederkehrenden Aufenthalten, Übergangspflege und Geschwisterbetreuung. Kinderhospize sind bewusst kindgerecht gestaltet und behandeln die ganze Familie als Einheit, nicht nur das erkrankte Kind.

Die Krankenkassen übernehmen seit 2009 den größten Teil der Pflegesätze, wenn die medizinischen Voraussetzungen vorliegen. Hinzu kommt ein Eigenanteil von rund 5 Prozent, den die Häuser über Spenden finanzieren; Pflegeleistungen nach Pflegegrad werden angerechnet. Für die Familien ist der Aufenthalt damit praktisch kostenneutral — die Finanzierung der Häuser selbst bleibt aber spendenabhängig.

Der Weg beginnt mit der ärztlichen Bescheinigung, dass das Kind an einer lebensverkürzenden Erkrankung leidet. Familien wenden sich direkt an ein Kinderhospiz oder werden über Kinderkliniken, Kinderärzte oder den Sozialdienst vermittelt. Nach Erstgespräch, Unterlagen- und Pflegegradprüfung folgt ein Kennenlernen, dann können Aufenthalte einzeln oder regelmäßig geplant werden. Die spezialisierten ambulanten Palliativteams der Region helfen bei der Vermittlung.

Nein. Der Großteil der Aufenthalte dient der Übergangspflege und Symptombehandlung — Familien entlasten, Beschwerden lindern, Behandlungspläne stabilisieren. Viele Kinder nutzen das Hospiz über Jahre immer wieder und leben zwischendurch zu Hause. Die Sterbebegleitung ist nur eine von vier Säulen; sie greift, wenn die Krankheit final wird. Niemand verpflichtet eine Familie zu einem Sterbeort.

Ja — Geschwisterarbeit gehört zum festen Konzept. Kinderhospize haben Räume für gesunde Geschwister, bieten spielerische Begleitung, Gesprächsangebote und altersgerechte Erklärungen der Krankheit. Geschwister leiden häufig still, weil die Eltern gebunden sind; die Hospizteams nehmen diese Dynamik bewusst auf. Grundlagen der Kindertrauer bietet der Artikel Kinder und Trauer.

Viele Häuser begleiten die Familien in die Trauerzeit hinein: Trauergruppen, Gedenktage und Erinnerungsarbeit sind etablierte Angebote, manche Familien bleiben über Jahre in Kontakt. Die konkrete Bestattung und Beisetzung planen die Eltern mit einem Bestatter; die Artikel Die Beerdigung eines Kindes und Sternenkind beschreiben Ablauf, Formalitäten und Trauerbegleitung im Detail.

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